Die schönen Toten

Ein Kriminalroman aus dem Umfeld von Otto Dix in den zwanziger Jahren in Düsseldorf.

Leseprobe:

Er starrte auf sein Werk. Sein Atem ging flach und er schwitzte. Seine Hände waren feucht und unter den Achseln hatten sich wahrscheinlich wieder dunkle Flecken auf dem schwarzen Stoff seines Hemdes gebildet. Wie gut, dass man sie nicht so schnell sah. Es war immer so: Am Ende kam die Angst und mit ihr der Schweiß. Lästig und übel riechend.

 

Dabei stimmte alles. Perfektes Nordlicht, Stille, Geruch nach Farben und Terpentin, so war es richtig. Es war vollbracht. Viele Wochen Arbeit steckten darin. Erst die Idee für ein neues Motiv. Tagelang streifte er dazu durch die Straßen, besuchte Nachtclubs, beobachtete Menschen vor dem Theater, der Oper, dem Varieté. Dann folgte die lange Phase der Planung. Nichts durfte außer Acht gelassen werden, jedes Detail musste stimmen. Denn darauf kam es an: Perfektion im Arrangement.

 

Das war nicht immer einfach. Schließlich war auch er nur ein Mensch, hatte schlechte Tage und manchmal regelrecht Angst davor, zu beginnen. Momente, in denen er kurz davor war, aufzugeben. Das ging vielen Künstlern so, eine Art Berufskrankheit. Hatte er aber einmal mit einem Werk begonnen, war er nicht mehr zu halten. Alles kam plötzlich in Fluss. Wie im Rausch sah er dann Farben, Licht und Schatten, die Komposition und das fertige Bild vor seinem inneren Auge. Und dann dieses Hochgefühl, wenn er spürte, es würde gelingen. Die Schönheit des Augenblicks – ihm gelang es, sie tatsächlich einfangen. Er war gut darin, wie kein anderer.

 

Und dennoch. Sein Blick huschte unruhig über sein Werk. Was war nicht vollkommen?

 

Rot. Er fühlte es mehr, als dass er es tatsächlich sah. Es war zu viel Rot. Eine gefährliche Farbe. In Purpur ließ sie alles um sich herum erblassen, als Zinnober verfing sich der Blick des Betrachters zu schnell in ihr, wenn man nicht aufpasste. Zu Orange ließ das Rot die Inkarnate grün schimmern – kein schöner Effekt. In der Florentiner Mischung wurde es recht braun und harmonierte nur mit sehr heller Haut. Und bei roten Haaren war ohnehin Vorsicht geboten.

 

Hier war es der Schal. Rubinrot changierte und glänzte er zu hell im Licht. Nun, das konnte er noch ändern. Er musste es sogar. Die Farbe war entscheidend für die Gesamtwirkung. Sein Publikum war Perfektion gewohnt. Er hatte mit einigen seiner außergewöhnlichen Porträts bereits Aufsehen erregt. Nichts sollte diesen Ruhm stören.

 

Hastig wischte er seine Handinnenflächen an den Hosenbeinen trocken und machte sich an die Arbeit.